BYPASS, 2009

Rauminstallation und Performance
Material: Holz
U-Bahnhof Schloss-Straße, Berlin-Steglitz
Bahnsteig U10/ obere Etage

Projektentwurf anlässlich des Wettbewerbs U10 – von hier aus ins imaginäre und wieder zurück

In Zusammenarbeit mit Regina Weiss

Der Projektentwurf Bypass beschäftigt sich mit dem U-Bahnhof Schloss-Straße, an dem sich die ungenutzte Strecke der U10 mit der Strecke der Linie U9 kreuzen.
Mittels einer begehbaren Installation wird der ungenutzte Bahnsteig der Linie U10 geöffnet, und zu einer „Bühne des Alltags“ transformiert. Der vorgefundene Leerraum wird zu einem körperlich erfahrbaren Erlebnisraum, in dem die strukturelle Funktionslosigkeit des leeren Bahnsteiggeländes durch die Aktivität der persönlichen Handlung ersetzt wird. Die Bewegungen der einzelnen Passanten werden zur performativen Handlung, in der sich „Bühne“ und Alltagsraum überschneiden.
Durch die künstlerische Kooperation mit Performance Gruppen aus dem Bereich des Real – Theaters werden diese Situationen aufgegriffen, und zu eigenen Produktionen vor Ort weiter entwickelt.
Der Titel „Bypass“ ist die Bezeichnung für eine Umgehung, Umleitung oder Überbrückung einer unzugänglichen Situation, in diesem Fall der unzugängliche Bereich der Linie U10. Durch den von uns gelegten Bypass entsteht ein „Nebenweg“, der zu einer neuen Nutzung auffordert.

Der Ort
Die Architektur des U-Bahnhofes Schloss-Straße in Berlin-Steglitz repräsentiert wie kaum ein anderes Gebäude im ehemaligen West-Berlin ein baulich manifestiertes Verkehrskonzept, dessen Ursprung in der Idee des funktionalistischen Stadtmodells der 1960er Jahre zu suchen ist. So verbindet der Gebäudekomplex zwei Stadtautobahnen in Form einer Brücke mit den unterirdischen Transportwegen der U-Bahn. Die Architektur wird von dem futuristisch gestalteten Bau des Turmrestaurants „Bierpinsel“ mit seinem schlanken Turm und weit auskragenden Formelementen weithin sichtbar markiert. Seine Form bildet den Knotenpunkt der ober-und unterirdischen Achsen städtischer Bewegung, wodurch diese im oberirdischen Bereich gebündelt und architektonisch gefasst erscheinen. Im Untergrund bleiben sie in ihrer Gesamtkonstruktion dagegen nur schwer zu erfassen.

Der in der Architektur des Funktionalismus enthaltene utopische Antrieb einer möglichen Überwindung von Raum und Zeit zu Gunsten rationalisierter Gesellschaftsstrukturen spiegelt sich in Struktur und architektonischer Formensprache des Gebäudes an der Schloss Straße wieder. Sein
„utopisches Versprechen“ bleibt jedoch uneingelöst. So erscheint die Nicht-Vollendung und Funktionslosigkeit einiger strukturgebender Bauelemente heute fast wie ein „Sinnbild“ des gesellschaftlichen Wandels in Folge der in den 1970er Jahren einsetzenden Funktionalismus Kritik. Dieses macht sich nicht nur am fehlenden Ausbau der vierspurigen Autobahn bemerkbar, sondern vor allem im Untergrund an der zweigleisigen Nutzung des viergleisig angelegten und zwei Etagen umfassenden U-Bahnhofes. Auf beiden Etagen sind Bahnsteig, Tunnel und Gleise der nie realisierten Linie U 10 durch eine Gitterwand von der jeweils gegenüber liegenden, befahrenen und belebten Seite der U-Bahnlinie 9 getrennt. Sie sind für den normalen Fahrgast einsehbar, aber nicht zugänglich. Die auf diese Weise sichtbaren Leerräume bilden einen Kontrast zur Bewegung des Alltags zur Nutzung und Abnutzung des Raumes. Sie sind ihr Spiegelbild, in dem Zeit und Veränderung keine Rolle zu spielen scheinen.

Die Installation
Mit der Installation Bypass wird der normalerweise nicht zugänglichen Bereich der geplanten U-Bahnlinie U10 geöffnet und eine „Bühne des Alltags“ geschaffen.
Durch das Öffnen des unbelebten Raumes entsteht die Möglichkeit einen imaginären Raum im Alltag zu erzeugen, in dem durch die Raumstruktur des Transportwesens vorgegebene Handlungsweisen des einzelnen Bahnhofspassanten entschleunigt und reflektierbar werden. In diesem Transitraum gibt es kein „Warten auf“, kein „Mitgenommen werden“, kein „Ziel“. Keinen vorgegebenen Takt, der den Ort vergessen lässt, zu Gunsten einer permanent suggerierten Zukünftigkeit an Stelle des gerade erlebten Augenblicks.

Mit Hilfe bühnenartiger Raumeinbauten über dem stillgelegten Gleisbett greift die Installation die architektonische Gegebenheiten der Raumstruktur auf, um diese in ihrer auf Geschwindigkeit angelegte Dynamik zu durchbrechen. Zwei in den Tunnelenden verankerte Raumeinbauten schliessen den unendlich erscheinenden Verkehrsraum des Schienennetzes ab und schaffen einen topologischen Ort, in dem die nahe unmittelbare Umgebung wieder eine Rolle spielt.

Die Begehbarkeit der Raumeinbauten schafft eine veränderte Wahrnehmung des Raumes, der durch die Aktivität des eigenen Körpers erfahren werden muss. Kein Transportmittel, sondern die eigene Handlung lässt den Raum durchqueren. Die Konstitution des Raumes wird nicht strukturell erfahren, sondern leiblich-sinnlich angeeignet. Die über Treppen erreichbaren Höhenunterschiede innerhalb der Raumeinbauten an den Tunnelenden führen in Form von Stegen über Bahnsteig und Gleise bis hinunter ins Gleisbett in die Mitte des Bahnsteiges.

Das Zentrum der Installation bildet eine angeschnittene Kreisform, markiert durch eine Balkenkonstruktion, die Bahnsteig, Gleisbett und Decke des Tunnels verbindet. Seine konstruktive Bauweise ist der Formensprache des Turmrestaurants „Bierpinsel“ entnommen, wodurch die oberirdische Formgebung der architektonischen Gesamtkonstruktion im Untergrund verankert wird. Die halboffene Kreisform hebt die scheinbare Spiegelung der beiden Bahnsteigseiten (U9 und U10) auf und lässt einen Innenraum entstehen, in dem das Wechselspiel der räumlich angelegten Blickachsen zwischen beiden Bahnsteigseiten unterbrochen wird.

Die neu entwickelte Raumtopologie ermöglicht eine Konzentration auf die eigenen Handlungsweisen der einzelnen Passanten. Die Gegenüberstellung mit dem geregelten Funktionsraum der U- Bahnlinie 9 macht den Installationsraum gleichzeitig zum Beobachtungs- und Bühnenraum. Strukturierte Alltagshandlung und Handlungsfreiraum stehen sich gegenüber, beginnen ein reflexives Wechselspiel, in dem der Alltagsraum in einen fiktionalen Raum überführt wird. Die Installation bietet in diesem Sinne die Möglichkeit einer Plattform, für die zusätzliche Kooperation mit Theaterprojekten an der Schnittstelle von Realität und Fiktion.
So wird in ortsspezifischen Produktionen die Wahrnehmbarkeit der aufgeführten Aspekte intensiviert. Künstler und Publikum werden dabei gleichermaßen zu Akteuren des Raumes. Die Aufführungen der entwickelten Formate schaffen eine wiederholte und gesteigerte Aufmerksamkeit des Alltagsraumes U- Bahnhof während des gesamten Projektzeitraumes.