Badische Zeitung am Samstag den 25. Juni 2016

Der Kunstraum L6 zeigt Kathinka Theis und Katrin Pieczonka

Sie widmen sich der Zersplitterung des alltäglichen Raums: Kathinka Theis und Katrin Pieczonka. Die Werke der Künstlerinnen sind im Freiburger Kunstraum L6 zu sehen.

Dass Raum nicht gleich Raum ist, erlebt man bereits während einer Autofahrt, die simultan auf dem Navi-Display mitläuft. Das Gehirn hat sich solchen Bedingungen längst angepasst und verarbeitet weitaus komplexere Raumdaten in Nanosekunden. Dennoch bleiben die Kapazitäten begrenzt. Die Ausstellung “tomorrow and tomorrow and tomorrow” im Freiburger L6 vermittelt einen Eindruck davon, wie es aussehen könnte, wenn die fortschreitende Zersplitterung des alltäglichen Raumes sich auf unseren inneren Landkarten niederschlägt.

Ortsnamen als Bildtitel

Die Wandobjekte und Installationen von Katinka Theis sowie die Gemälde von Katrin Pieczonka veranschaulichen exemplarisch die Inkonsistenz des Raumes. Gemeinsam ist beiden Künstlerinnen, dass sie ihre Antennen auf urbane Umgebungen eingestellt haben. Wohl mögen Bildtitel wie “Eiffestraße” oder “Guldborgsund” leicht fremdartig klingen, in Wirklichkeit jedoch sind es Ortsnamen, die den autobiografischen Hintergrund von Katrin Pieczonkas Phantasieräumen beglaubigen.

Um diese in Szene zu setzen, wird nahezu das ganze Formenrepertoire gesampelt, das jemals auf Tafelbildern verhandelt wurde – Menschen ausgenommen. Sie bleiben im Wortsinn außen vor, nämlich vor den Bildern, als Betrachtende, deren Blicken zugemutet wird, sich in einem Unraum aus zentralperspektivischen Täuschungsmanövern zu orientieren. Schiefe Ebenen, Gitterstrukturen, Scheinhorizonte und die stets wechselnden Fluchtpunkte der Kuben und Farbkeile, während hier und dort realistisch eingestreute Gebäude Wiedererkennungsreflexe zulassen. Wenn diese Bilder den Illusionsraum des traditionellen Tafelbildes schreddern, dann mit der kalkulierten Nebenwirkung, den sicheren Boden des Alltagsraums als Schein zu überführen. In einer großen Synthese aus Komposition, Farbgefühl und Intuition reorganisiert sich auf diesen Bildern das Chaos zu einer künstlerischen Utopie, die nicht zuletzt dem Auge eine fesselnde Parallelwelt zu bieten hat.

Korrespondenzen – kein leeres Versprechen

Katinka Theis verfährt umgekehrt. Anstatt auf Übersteuerung setzt sie auf die Reduktion von Komplexität. Im Ansatz entschiedener analysiert sie die Optik städtischer Randgebiete, jener Zonen, in denen Siedlungsraum sich in “Industrielandschaft” auflöst. Fotos dieser Nichtorte verallgemeinert sie zu Architektur- und Landschafts-Chiffren. So schneidet sie für die Wandobjekte aus weißem, grauem oder blauem Karton einfache geometrische Formen zu, faltet sie zu flachen Pyramiden und Tetraedern, die der Bildebene entwachsen und durch applizierte Architekturen oder phosphoreszierende Winkelbahnen mit Bedeutungen versetzt werden. Der fraktale Zustand des Reliefs, nicht mehr Fläche und noch nicht Körper zu sein, springt im nächsten Stadium in raumgreifende Boden-Installationen über. Zwar vieldeutiger wird die Architektur dennoch expliziter und gerät mit ihrem geometrischen Schliff zu einem Paradigma der Menschenfeindlichkeit. Künstlerische Form wird zum politischen Statement. Das eher beiläufige “tomorrow” des Ausstellungstitels verabsolutiert sich zu einer Gibson’schen Zukunftsvision mit Siedlungsräumen in urbanen Megastrukturen und exterrestrischen Raumstationen.

In Zweierausstellungen wird es nicht selten zur Glückssache, die versprochenen Korrespondenzen der zusammen gebrachten Werke aufzuspüren. Anders im L6. Anstatt lediglich auf einander zu verweisen, gehen die Raumkonzeptionen der beiden Künstlerinnen geradezu organisch auseinander hervor. Pieczonkas zentralperspektivische Simulakren, die aus der Flächigkeit des Tafelbilds hinausdrängen, falten sich auf Theis’ Wandobjekten realiter in den Raum, um mit dem folgenden Schritt als Installationen neue Raumbedingungen zu konstituieren. Diese komplexe Ausstellung begnügt sich nicht mit dem bloßen Zusammenspiel zweier Konzeptionen, sondern diskutiert mit den Mitteln der Kunst den Konstruktivismus des Raumes schlechthin.

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Kieler Nachrichten Sonnabend, 21. November 2009 Nr.272

Die Transferleistung in der Transportkiste

Kiel- Wer derzeit bei Prima Kunst vorbeischaut, könnte sich beobachtet fühlen. Aus leeren Augenhöhlen starrt ein Affe in Richtung Containereingang. Zwar ist das Tier schon lange tot, doch von seinem Skelett, das wie zum Sprung bereit auf einer Transportkiste hockt, geht eine seltsam lebendige Wirkung aus. Mittig im Container positioniert, kann man um das Skelett herumgehen und, hinter ihm stehend, die Blickrichtung des gaffenden Affen einnehmen. „Vorsicht! Affenskelett“, steht auf dem Deckel der Kiste, der wie zufällig an der Wand lehnt- eine Warnung, die den Eindruck des Untoten noch unterstreicht. Ganz so, als wäre es ausgebüchst, sitzt dieses Skelett auf seinem hölzernen Gefängnis, das eine polygonal gebrochene Spiegelfläche beherbergt. Der Betrachter kann darin sein verzerrtes Spiegelbild entdecken- gefangen in der Transportbox. Jungle was Yesterday nennt Katinka Theis ihre so hintersinnige wie komplexe Arbeit, die sie eigens für den Container konzipiert hat. „Ich habe eine Transportkiste in eine Transportkiste gestellt“, so die in Freiburg geborene Künstlerin, die mit ihrer Installation Polaritäten herstellen will- zwischen Alt und Neu, zwischen naturalen und modernistischen neuen Formen, sowie zwischen Raum und Zeit- eine Polarität, die sich auch im Titel wiederfindet. „Das ist in gewisser Weise eine Entsprechung zu der ursprünglichen Funktion des Containers, der sich auch zwischen Zeitlichem und Räumlichen bewegt.“ Katinka Theis studierte in Bonn Bildhauerei, danach Raumstrategien in Berlin Weissensee. „Dort habe ich mich viel mit Raumtheorie und Kunst im öffentlichen Raum beschäftigt.“ Und weil sie ein Faible für umfunktionierte Räume hat, findet sie die Idee, einen Container für die Präsentation von aktueller Kunst zu nutzen , „einfach toll“. Ihre Arbeit ist es auch- spätestens auf den zweiten Blick. sth


Kunstforum, Aktionen und Projekte, 21.01.2009

Palast der Moderne

Zu DDR-Zeiten entstand am Alten Markt in Potsdam ein Gebäude, das für die Lehrerfortbildung genutzt wurde. Ästhetisch erinnert es ein wenig an jenen bauklempnerisch anmutenden Funktionalismus, in dessen Stil die SED-Oberen auch den inzwischen abgerissenen Palast der Republik in Berlin gestalten ließen. Mit architektonischen Scheußlichkeiten hat freilich ebenso der Westen in den 1960er Jahren seine Städte zugebaut, in falsch verstandenem Modernismus und hemdsärmeliger Meuchelung des Bauhaus-Gedankens. Gleichwohl ist diese Architektur aus der Ära von Nikita Chruschtschow und John F. Kennedy, Ludwig Erhard und Walter Ulbricht ein Spiegel der jeweiligen Gesellschaft und ihrer Befindlichkeiten, insbesondere, was das Verhältnis der heutigen Bürger zur Geschichte angeht. Dieses palastartige Gebäude in Potsdam lässt man nämlich systematisch verfallen, und für die beiden Berliner Künstlerinnen Regina Weiss und Katinka Theis ist diese ignorante Strategie ein Indiz für “den schwierigen Prozess im Umgang mit der Geschichte der DDR.” Während Spreewalder Gurken als regionale Spezialität mittlerweile bundesweit in den Supermärkten zu finden sind und auch auf rheinischen Künstlerpartys bisweilen schon mal “Rotkäppchen”-Sekt geschlürft wird, konservieren und rekonstruieren die Stadtplaner im Osten lieber Barockes und Wilhelminisches: Der “Verein Potsdamer Stadtschloss e.V.” z.B. führt derzeit eine Spendenaktion für “die Wiederherstellung der historischen Elemente am Brandenburgischen Landtag” durch. “Sozialistisch geprägte Architekturen” hingegen “negiere” die “Nachwendegesellschaft”, konstatieren die beiden Künstlerinnen. An der Fachhochschule Potsdam installierten sie daher ein Fassadenbanner, welches mittels Computersimulation das verfallende DDR-Gebäude in saniertem Zustand als “Palast der Moderne” wiedergibt: “Durch das Vorhaben das Stadtschloss in Potsdam (ähnlich wie in Berlin) wieder aufzubauen, schien aus der Sicht der beiden Künstlerinnen bezüglich des Umgangs mit Erinnerung und dem Entstehungsprozess von Geschichtsbildern, auch in Potsdam eine städtebauliche Entscheidung gefallen zu sein, die sich an den Werten einer nicht mehr vorhandenen Gesellschaftsform orientiert. Der Ansatz der Arbeit war, trotz der bereits gefallenen Entscheidung für den Abriss des Gebäudes auf die noch vorhandenen Spuren der jüngsten Geschichte zu verweisen, sowie die Frage nach einem zukunftsorientierten Umgang mit ihr aufzuwerfen” (Pressetext).


Potsdamer Neueste Nachrichten, 25.10.2008

Verkommen

Palast der Moderne, 23.10.2008
Als ehemaliger Angehöriger des Architektenkollektivs für den Gebäudekomplex “Bibliothek-Bildungszentrum” (jetzt FH) bedanke ich mich für das Foto mit der Computer-Simulation. Es gab mir die Möglichkeit, dieses geschmähte Gebäude und vernachlässigte Bauwerk doch noch in saniertem Zustand zu erleben – wenn auch nur als Fotomontage. Die Bezeichnung “Palast der Moderne” ist aber etwas hochgestochen und nicht ungefährlich. Werden doch “Paläste” aus dieser Zeit gerne abgerissen. Kritiker der DDR-Architektur sollten nicht vergessen, unter welchen finanziellen, bautechnischen und ideologischen Zwängen damals projektiert und gebaut wurde. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich behaupte nicht, dass es sich um ein Meisterwerk der Architektur handelt. Ich bin aber der Meinung, dass jedes Bauwerk, das man derart vergammeln lässt, irgendwann zur “Notdurft-Architektur” verkommen muss. Dagegen wäre dieser Bau im sanierten Zustand bestimmt nicht schlechter als einige Potsdamer Nachwende-Bauten. Einschließlich des in derselben PNN-Ausgabe vorgestellten neuen Finanzministeriums.

Dieter Lietz, Potsdam


Potsdamer Neueste Nachrichten, 23.10.08

Auf einem Bild von vier mal fünf Metern strahlt der “Palast der Moderne” im schönsten Weiß. Es ist eine Architekturfotografie des Gebäudes der Fachhochschule am Alten Markt, das die Berliner Studentinnen Katinka Theis und Regina Weiss für das Potsdamer “Localize Heimatfestival” am Computer bearbeiteten. Sie glätteten die aufgerissene Außenhaut und kitzelten die Akzente der klassischen Moderne heraus. Das Banner schürt die Vision, als würde eine Sanierung bevorstehen. In Wirklichkeit soll im Zuge des Stadtschloss-Wiederaufbaus ein Teil des Hauses abgerissen werden. Zum Unverständnis der Raumstrategie-Künstlerinnen. Sie plädieren für eine vielschichtige Stadtstruktur. “Man sollte nicht alles auslöschen, nur weil es aus einer bestimmten Zeit ist. Gebäude können Identität stiften.” Sie wenden sich gegen eine rückwärtsgewandte Politik: “Es gibt weder einen Dialog zwischen den verschiedenen Architekturen, noch den Ansatz etwas völlig neues zu bauen”, bedauern die Frauen.


Main-Post, 14.06.2008

Der Schatten der Mürschter Geschichte – Spektakuläre Aktion setzt den offiziellen Schlusspunkt hinter das Bildhauersymposion

Münnerstadt (old) Mit einer spektakulären Aktion ging das Bildhauersymposium nach vierwöchiger Dauer am Mittwoch offiziell zu Ende. Die Aufbringung des imaginären Schattens des zum Ende des zweiten Weltkrieges zerstörten Unteren Tores auf der Meininger Straße setzte einen würdigen Schlusspunkt. Zahlreiche Münnerstädter fanden sich während der fünftägigen Aktion, während der die Stadtdurchfahrt gesperrt war, ein, um mit den beiden in Berlin lebenden Künstlerinnen Katinka Theis und Regina Weiß zu diskutieren. Die beiden akademischen Bildhauerinnen hatten beim Stadtbesuch der am Symposium beteiligten Künstler die Idee vom Schatten entwickelt.
Nach historischen Vorlagen fertigten sie zunächst ein Modell aus Pappe, um nach dem Schattenwurf den Maßstab errechnen zu können. Die Umrisse wurden mit Klebeband festgelegt. und die zu bearbeitende Fläche grundiert. Dabei nahmen sie sich die künstlerische Freiheit, den Schatten entgegengesetzt zur einstmaligen Realität mit Spezialfarbe auf die Straße zu malen. Ein Umstand, der in Münnerstadt kritisiert worden war, von den Künstlerinnen aber auch erklärt werden konnte. Zum einen gebe die architektonische Situation die Vorgehensweise vor, zum anderen solle der nach innen zeigende Schatten auch die Situation des Sprengens aufzeigen.
Bürgermeister Helmut Blank, der zugab, dem Vorhaben zunächst kritisch gegenüber gestanden zu sein, zeigte sich schließlich begeistert. “Das ist eine der großen Attraktionen des Symposiums”, betonte er im Gespräch mit der Main-Post. Jetzt sind alle gespannt, wie lange die Farbe auf der Straße hält. Über eine mögliche “Verewigung” des Schattens soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgedacht werden. Lediglich drei Beschwerdeanrufe habe es bei der Stadt über die doch fünftägige Straßensperrung gegeben. freute sich Blank zudem über die Akzeptanz seitens der Bevölkerung, die großen Anteil am Symposium genommen hat und noch nimmt. Auch nach dem offiziellen Ende sind noch nicht alle Kunstwerke fertig.


Saale Zeitung, 14.06.2008

Der Schatten der Vergangenheit – Zwei Berliner Künstlerinnen erinnern auf spektakuläre Weise an das fehlende Untere Tor

Münnerstadt. Der Schatten des Unteren Tores ist wohl unbestritten das spektakulärste Kunstwerk des Bildhauer-Symposiums. Dabei geht es den Berliner Künstlerinnen Katinka Theis und Regina Weiß nicht um den Wiederaufbau, sondern um die Erinnerung. Ihr Schatten – gemalt auf die Straße – soll auf das Fehlende verweisen. “Der Schatten der Vergangenheit legt sich darüber”, sagen sie.

Die beiden Bildhauerinnen hatten sich im Vorfeld beim Hauptorganisator, Alexander Kessler, ausführlich über die Stadt Münnerstadt informiert. Dabei sind sie auf das fehlende Untere Tor gestoßen, welches beim Einmarsch der US-Armee 1945 gesprengt worden war.

Form der Erinnerung

Die beiden Künstlerinnen entwickelten nach vielen Gesprächen eine neue Form der Erinnerung – eben diesen Schatten, der die Leute an das Tor erinnern, aber auch anregen soll mit Geschichte umzugehen. Bewußt haben sie den Schatten in eine Richtung gesetzt, wie er nie fallen würde, wenn es das Tor noch geben würde. Katinka Theis und Regina Weiß ist es wichtig, dass die Spitze des Turm von außen nach innen zur Stadt hin zeigt. Schließlich sei das Tor auch von außen her zerstört worden. Inzwischen haben sie erfahren, dass der Turm beim Sprengen auch genau so gefallen sein soll. Unterhalten haben sie sich schon mit vielen Leuten. Beide sind sehr froh, dass ihre Idee und die Umsetzung so gut von den Münerstädtern aufgenommen wird. Heute werden sie das Kunstwerk vollenden. Wie lange die Farbe hält, kann niemand sagen. Katinka Theis und Regina Weiß bieten an – sollte das Kunstwerk gefallen – es dauerhaft aufzubringen, eventuell aus einem anderen Material. Diesen Gedanken nahm Bürgermeister Helmut Blank gerne auf. Er habe die Idee anfangs sehr skeptisch betrachtet, gestand er den Künstlerinnen. Aber er habe seine Meinung längst geändert. Inzwischen finde er den Schatten ganz toll und stehe voll dahinter. Überhaupt werde das Symposium sehr gut angenommen, betont der Bürgermeister, der von einer regelrechten Aufbruchstimmung in der Stadt spricht. Jeden Tag seien Besuchergruppen in der Stadt zu sehen. Kleiner Wermutstropfen: Es gab zwei Hinweise von Unternehmern, die mit der Straßensperre nicht einverstanden waren. “Aber sie muss gesperrt werden”, sagt Helmut Blank. Hinweisschilder, wie weit gefahren werden kann, sollen ein wenig Abhilfe bringen. Robert Bauer, der unmittelbar neben der Sperre wohnt, findet sie so richtig toll. So ruhig hat er es sonst nie. Wenn es nach ihm geht, kann sie für immer bleiben. Thomas Maltz